Pioneer - die erste Lokomotive in China

Von einer guten Bekannten - die von meiner Modelleisenbahnleidenschaft wusste - bekam ich aus einem Nachlass ein schönes, altes Buch über Modellbahnen geschenkt.

Modell-Lokomotiven —
Erlesene Liebhabereien von
Jonathan E. Minns (Autor)

Dieses Buch ist im Handel nicht mehr erhältlich, gelegentlich bieten Amazon, etc. gebrauchte Exemplare ab.

Das reich bebildertet Buch (viele Farbtafeln) stellt viele Modell-Lokomotiven vor, vor allem in größeren Spuren und auch Parkeisenbahnen. Dabei werden viele nette Episoden erzählt, diese, von der angeblich ersten Dampf-Lokomotive in China fand ich besonders interessant:

...Dies war nicht der einzige Fall, wo man zum Beweis der Richtigkeit einer Idee eine Miniatureisenbahn baute. Anfang der sechziger Jahre besuchte Sir R. Macdonald Stephenson, der schon viel für die Entwicklung der Eisenbahnen in Indien getan hatte, China mit der Absicht, die Chinesen von den wirtschaftlichen Vorteilen einer Eisenbahn zu überzeugen.
Zunächst erreichte er nicht viel. Doch 1865 wurde die Gründung einer Eisenbahngesellschaft zum Bau einer Bahn zwischen Schanghai und Wusung beschlossen, wo Zollspeicher und ein Hafenbecken für große Ozeandampfer gebaut werden sollten. Eine Bahnverbindung würde
die Reise von der Küste nach Schanghai wesentlich vereinfachen. Nach langwierigen Verhandlungen und dem ersten vorsichtigen Landerwerb ging der Gesellschaft das Geld aus, und man musste das Projekt aufschieben.


Im Jahre 1872 versuchte jedoch Richard C. Rapier den Kaiser von China erneut für ein
Eisenbahnprojekt zu gewinnen. Durch eine 0-2-0 Miniaturlokomotive mit entsprechendem
Wagenpark wollte er bei den Chinesen dafür werben. Die besonderen Vorteile seiner Idee lagen darin, dass die Maschine stark genug war, um eine ansehnliche Ladung zu befördern, und dass sie 25 bis 30 Stundenkilometer fahren konnte, aber trotzdem so klein war, dass man sie unzerlegt in eine Kiste verladen und als Versuchs- und Ausstellungsmodell nach China
versenden konnte. Im Herbst 1873 begann man in England mit dem Bau einer Versuchsstrecke, und nach erfolgreichen Probefahrten wurde die kleine 1,1 t-Lokomotive im Frühjahr 1875
zwei Direktoren der Wusung Road Company vorgeführt und zog bei dieser Gelegenheit einen Zug mit 80 Personen. Der Dampfkessel produzierte so viel Dampf, dass man den Zylinderdurchmesser auf 12,5 cm und die Spurweite von 61 auf 76 cm zu erhöhen
beschloss. Die Lokomotive wurde außerdem mit einem größeren Wassertank ausgestattet und erhielt den sehr passenden Namen Pioneer. Im Oktober schickte man sie in Begleitung von fünf Fachleuten auf die Reise.

Bild 48 illustriert die Konstruktion und das geringe Gewicht der Lokomotive, die nach ihrer Ankunft in China gerade auf die Gleise gesetzt wird. Am 14. Februar 1876 machte die Pioneer ihre erste Fahrt auf einer Strecke von etwa 1,2 km Länge und erregte das Entzücken der Chinesen, die herbei strömten, um sie fahren zu sehen. In der Times vom 2.2. Mai 1876 findet sich folgender Bericht darüber:

... der Bau macht rasche Fortschritte. Mehrere Meilen der Strecke sind schon fertig geschottert, die gesamte Landbevölkerung interessiert sich lebhaft dafür. Buchstäblich strömen täglich Hunderte aus den umliegenden Städten und Dörfern herbei, um sich den Fortgang der Arbeiten zu betrachten; sie kritisieren jede Einzelheit der kleinen Lokomotive bis zu den Kieseln der Schotterung ...

 Die Lokomotive ist natürlich die große Attraktion, augenblicklich ist sie zum Transport von Steinen eingesetzt, und ein allgemeiner Ruf von ,Laij tze, laij tze', ,sie kommt, sie kommt' begrüßt jedesmal ihr Wiederauftauchen. Es entsteht dann ein großes Gedränge um sie, und sie wird so gründlich untersucht, daß man die schlimmsten Befürchtungen für einen Unfall hat. Jetzt ertönt wieder das Pfeifensignal zur Abfahrt, und der Einschlag einer Granate könnte keine größere Aufregung hervorrufen, nur dass Gelächter und freudige Erregung die Menge erfüllt.

Hoffen wir, daß diese kleine Pioniereisenbahn weitere Mißverständnisse beseitigt und dazu dient, in China ein modernes Verkehrswesen zu begründen, nachdem dies im Westen soviel zur wirtschaftlichen Entwicklung beigetragen hat. Es folgte eine Periode friedlicher Weiterarbeit, die allerdings nicht ganz ohne Zwischenfall ablief, denn am 3. August beging ein fremdenfeindlicher Fanatiker Selbstmord auf der Strecke.

Der Korrespondent der Times berichtet über den Vorfall, mit den Worten eines chinesischen Bremsers:  

"Ich gesehen ein klein Chinamann. Ich gedacht, gehört dahin. Vielleicht Soldat, darf gehen auf Strecke. In selbe Zeit mein klein Zug kommt an diese Seite. Mr. Bankas macht viel lange Zeit die Maschine pfeifen. Dann macht er Eisenbahn kleine Zeit weiterfahren. Ich gedacht, Chinamann sich wollen totmachen, weil er macht kommen Maschine so nah. Ich gesehen klein Maschine ihn überfahren. Ich ganze Zeit festziehen kleine Bremse, machen den Zug halten chop chop (rasch)."

Tatsächlich hielt der Zug auf wenige Meter, und glücklicherweise ging aus den Aussagen von Augenzeugen hervor, daß eine Selbstmordabsicht vorgelegen hatte. Trotzdem war das Unglück ein böser Zwischenfall, denn die chinesische Haltung des "Auge um Auge" war so alarmierend, daß man es für klug hielt, die Bahn für einige Zeit stillzulegen. Schließlich geriet die Sache in Vergessenheit, und es begannen Verhandlungen mit der Provinzregierung über den Kauf der fertigen Bahn zu einem den Baukosten entsprechenden Preis, der in drei Halbjahresraten bezahlt werden sollte. Die Verkaufsbedingungen enthielten die Klausel, dass die englische Eisenbahnkompagnie bis zur Bezahlung der gesamten Kosten Regie führen sollte, nicht nur, um ein Jahr für eigene praktische Erfahrungen zu gewinnen, sondern auch, um den Chinesen Betriebskenntnisse zu vermitteln.

Bald wurden größere und leistungsfähigere Lokomotiven geliefert, und langsam aber sicher wurden die administrativen und technischen Anfangsschwierigkeiten überwunden. Doch sie hatten auch ihre amüsante Seite. Die chinesischen Kupfermünzen waren nämlich so geringwertig, dass die Reisenden für manche Fahrkarten sorgfältig und umständlich bis zu 1200 Münzen auf den Tisch zählten. Auf diese Weise brauchte man im Büro in Schanghai allein vier bis fünf Angestellte zum Geldzählen. Um diesen Missstand abzustellen, begann man, mehrere Fahrkarten auf einmal zum Preis von einem Dollar auszugeben. Den Eisenbahningenieuren waren die chinesischen Gleisarbeiter ebenso lieb wie die englischen, und als Bremser und Heizer waren die Chinesen genauso brauchbar, so dass die Züge eine gleichmäßige Fahrt machten. Von nun an spielte sich die allmähliche Übernahme ohne weitere Schwierigkeiten ab, und das Unternehmen erwies sich als so befriedigend, dass man im Frühjahr 1877 beschloß, in Formosa die Möglichkeiten für einen Bahnbau vom einen Ende der Insel zum andern zu erkunden. Die frühe Entwicklung der Eisenbahnen in China ist einer der besten Beweise für den praktischen Nutzen von Miniatureisenbahnen im 19. Jahrhundert.

 

 

Die kleine Pioneer gibt sicherlich auch ein gutes Gn15-Modell ab, wobei sie ja ein 760 mm Vorbild ist.

 

Martin